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„Neugier für den lokalen Kontext“

Mit einem lokalen Forum, in dem die Leitfragen der Weltkunstausstellung vor Ort interpretiert und diskutiert werden, arbeitet die documenta an einem Format, das die Debatten, die documenta 12 seit 2005 auf allen Kontinenten angestoßen hat, mit dem Ausstellungsort in Beziehung setzt. Die Fuldastadt ist damit Teil einer weltweiten Debatte, das lokale Wissen der Akteure vor Ort wird als ein Kapital betrachtet, um global stattfindende Prozesse mit den Entwicklungen vor Ort in Verbindung zu bringen. Dreh- und Angelpunkt der Aktivitäten des Beirates ist das Kulturzentrum Schlachthof.
Die StadtteilZeit interviewte Ayse Güleç, Sprecherin des Beirates und Catrin Seefranz, Leiterin der documenta-Kommunikation.

STZ: Frau Seefranz, weltweit setzen sich Expertinnen und Experten mit den Leitfragen der documenta 12 auseinander. Mit dem Kasseler Ausstellungsbeirat – integraler Bestandteil des Ausstellungskonzeptes des Teams um Ruth Noack und Roger M. Buergel – geschieht dies auch vor Ort. Könnten Sie für uns kurz die Leitfragen und deren Verbindung zum Ausstellungsort skizzieren?
CS: Die Leitmotive wurden entwickelt, um die Phantasie anzuregen und anzuleiten: der Ausstellungsmacher, der Künstler, des Publikums. Bis zu dem magischen Moment, an dem die documenta 12 eröffnet und als Ausstellung im Zusammenspiel von Kunst, Architektur und Betrachter ihr ganzes Potential entfaltet, bleibt sie ja einigermaßen abstrakt. Die Fragen hat die künstlerische Leitung sich nicht ausgedacht, sondern eher aufgefunden in der Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst. Das erste Leitmotiv fragt nach dem Schicksal und der Aktualität der Moderne für unsere heutige Situation. Die Moderne (nicht nur die ästhetische sondern auch historisch-politische oder philosophische) ist scheinbar passé, ohne dass deren Versprechungen schon eingelöst worden wären, ohne dass unser Vorstellungsvermögen sich von den Ideen der Moderne (das meint universale Menschenrechte genauso wie Bauhaus) verabschiedet hätte.
Die zweite Leitfrage beschäftigt sich mit dem „Bloßen Leben“, der nackten Existenz. So sehr wir uns ja um Absicherung bemühen, bleibt das Leben doch immer gefährdet, durch politische (Harz 4 oder Guantanomo) wie natürliche Faktoren (Krankheit oder Tsunami). Dieses Ausgesetztsein des Lebens hat aber zwei Seiten, eine bedrohliche und eine lustvolle.
Das dritte Leitmotiv beschäftigt sich mit dem Thema Bildung, aus einer emanzipatorischen und künstlerischen Perspektive heraus. Es geht darum, wie kann Wissen vergesellschaftet werden, wie kann es produktiv gemacht werden – und wie können Kunst und besonders das Medium der Ausstellung dazu beitragen. Alle diese Fragen sind – das zeigt auch die Arbeit der letzten Monate – auf der ganzen Welt relevant, in China und in Kassel.

STZ: Vor welchem Hintergrund hat sich die Idee einer besonderen lokalen Verankerung über einen Ausstellungsbeirat entwickelt?
CS: „Wir machen eine Ausstellung um etwas zu erfahren“, lautet eine der Devisen für die documenta 12. Es geht darum, das Wissen an verschiedenen Orten der Welt in Verbindung zu bringen – und auch die Menschen, die über dieses Wissen verfügen. Dazu wurden das Redaktionskollektiv der documenta 12 Magazines gegründet und der documenta 12 Beirat. Hinter diesen beiden Initiativen steht die Überlegung, dass auch eine Ausstellung vom Format der documenta, die sich für die ganze Welt interessiert, nur partiell über diese Welt auch Bescheid weiß. Dass sie nicht als „Global Player“ auftreten will, sondern davon ausgeht, dass man über Kasachstan vielleicht genauso wenig weiß wie über Kassel.
Für Roger M. Buergel und Ruth Noack, ist das Gelingen einer Ausstellung sehr daran geknüpft, ob sie auch lokal funktioniert. Die documenta 12 wird keine Ausstellung nur für das internationale Kunst Jet-Set werden, auch nicht nur für den klassischen bildungsbeflissenen documenta-Besucher. Sie soll möglichst viele Menschen aus Kassel (und der Welt) engagieren, die mit dieser Ausstellung und ihren Themen etwas anfangen können. Das ist nicht selbstverständlich, das funktioniert nicht „nebenbei“. Da braucht es viel Arbeit und Aufmerksamkeit – und vor allem auch Neugier für den lokalen Kontext.

„Translokale Beziehungslinien werden konkret“
STZ: Frau Güleç, Sie sind die Sprecherin des Ausstellungsbeirates. Wie verstehen Sie und die Mitglieder dieses Gremiums ihre Arbeit für die kommende documenta?
AG: Wir wollen, dass documenta 12 in Kassel ankommt und dass wichtige Themen, die durch die Leitfragen der documenta 12 angesprochen werden, in und für Kassel bearbeitet werden. Die drei Leitfragen haben ja etwas mit Veränderungsprozessen in der Welt zu tun. Wenn wir über diese Entwicklungen nur übergeordnet und global reden und denken, wird das eine sehr abstrakte Auseinandersetzung. Aber diese Veränderungen werden doch gerade an einzelnen Orten spürbar und sichtbar – und verbinden diese Orte miteinander. Solche „translokalen“ Beziehungslinien werden konkret, wenn beispielsweise das VW-Werk in Baunatal von der Schließung bedroht ist und VW gleichzeitig ein riesiges neues Werk in Poona in Indien aufbaut.
Wenn es uns gelingt, die Leitfragen mit Kassel und den Erfahrungen der Menschen zu verbinden, dann kann auch die Kunst eines entfernten Landes für uns erfassbar werden. So werden die Themen und Kontexte der Kunst einer Weltkunstausstellung nachvollziehbar und bekommen eine persönliche und ganz plastische Bedeutung. Als VermittlerInnen steht für uns im Vordergrund, Kunst und die Menschen zusammenbringen.

STZ: Welche Themen werden im Ausstellungsbeirat debattiert und wie ist dessen Zusammensetzung?
AG:Ich werde mit der zweiten Frage beginnen: bei der Gründung dieses lokalen Beirates sind die Ausstellungsmacher Roger M. Buergel und Ruth Noack auf das Kulturzentrum Schlachthof zugekommen, da sie nach einem geeigneten Partner suchten, um zusammen die documenta 12 in Kassel lokal anzubinden. Ihre Ideen und Vorgehensweisen haben Christine Knüppel und mich überzeugt und wir waren bereit, unsere Kompetenzen dafür einzubringen. Gemeinsam haben wir darauf gesetzt, dass die im Beirat versammelten Personen nicht als Repräsentanten und Vertreter ihrer Institutionen oder Netzwerke gefragt werden, sondern als vielfältig interessierte MultiplikatorInnen und als lokale ExpertInnen, die aus bestimmten Themenfeldern und Zusammenhängen ihr Fachwissen und ihr lokales Wissen zusammenbringen. Wir haben bewusst auf übliche institutionalisierte Repräsentanzrollen verzichtet, denn wir wollten die bestehenden Organisationsformen nicht ersetzen, sondern sie um neue Formate ergänzen und damit eine Öffnung der eingespielten Kommunikationswege erzeugen. So sind vor über einem Jahr rund vierzig “lokale ExpertInnen” aus formaler und informeller Bildung, Stadtplanung, Arbeitswelt, Wissenschaft, sozialer Arbeit, politischen Organisationen, religiösen und kulturellen Lebenswelten, Kinder- und Jugendarbeit usw. zusammengekommen.
Zu Beginn haben wir vor allem über die Leitfragen der documenta 12 und ihre Bedeutung in und für Kassel gesprochen. Aus diesem Prozess entstehen nun Aktivitäten, die die Leitfragen auf konkrete Themen und Beispiele in Kassel beziehen. Daher nimmt inzwischen die Beratung und Entwicklung eigener Aktivitäten einen großen Raum ein. Zudem gibt es immer wieder KünstlerInnen, die ihre Arbeit dem Beirat vorstellen und ihre Ideen für documenta 12 diskutieren.

„Brücken zu diesem Ort bauen“
STZ: Bislang gibt es keine offizielle Liste oder ähnliches, welche die Mitglieder des Beirats benennt. Man wüsste aber doch zu gern, wer dabei ist. Wie gehen Sie mit der bisweilen zu hörenden Kritik um, der Ausstellungsbeirat arbeite bislang weit gehend von der Öffentlichkeit abgeschirmt?
AG: Wichtiger als die Präsentation der einzelnen Personen des Beirats ist es uns, Inhalte zu transportieren, die in Kassel mit den Leitfragen zusammenfallen. Das ist ja zurzeit der Fall: in diversen öffentlichen Veranstaltungen wurden bereits Aktivitäten von Seiten der Beiratsmitglieder vorgestellt. Das sind Einladungen an Interessierte, diese Themen aufzugreifen und zu bearbeiten. Weitere Kreise und Öffentlichkeiten werden so erreicht und gebildet.
Die Diskussionen in unseren regelmäßigen Arbeitstreffen sind von Offenheit und Vertrauen geprägt. Das liegt sicherlich auch daran, dass die Gruppe Zeit hatte zusammen zu wachsen und einigermaßen unbeobachtet zu arbeiten. So ein verlässlicher, verbindlicher und konzentrierter Rahmen war uns wichtig, damit wir eine eigene Arbeitsform entwickeln und die lokale Bedeutung der Leitfragen in Ruhe untersuchen und diskutieren konnten.

STZ: Sind vom Ausstellungsbeirat eigene Impulse und konkrete Aktionen zu erwarten? Welche?
AG: In der nächsten Zeit bis zur Ausstellung werden wir verschiedene Aktivitäten zu den Leitfragen entwickeln, die an Kasseler Beispielen und Themen deutlich werden. Eine dieser Aktivitäten wurde bereits in den letzten Monaten durchgeführt: Bei Around the World - Welten im Koffer konnten Kinder und Jugendliche ihre Sichtweisen auf die Leitmotive „Das bloße Leben“ und „Bildung“ deutlich machen. Das Kinder- und Jugendnetzwerk hat im Oktober erste Ergebnisse präsentiert. Bei einer anderen Aktivität werden entlang der drei Leitfragen Exkursionen durch Kassel entwickelt, wieder andere widmen sich den Freiflächen, den Gärten oder der Bildungsfrage in dieser Stadt. Aktuell arbeitet die Aktivität „Die unsichtbare Stadt – sichtbar machen“ daran, das Thema Ressourcen, Ressourcennutzung, Ressourcenverteilung und Privatisierungen zu diskutieren und neue Sichtweisen darauf zu entwickeln.
Nicht nur mit den Aktivitäten wird die Arbeit des Beirates sichtbar, sondern auch während der documenta, denn gerade wenn Gäste aus allen Teilen der Welt nach Kassel kommen, sind Menschen wichtig, die Brücken zu diesem konkreten Ort bauen. Daher wird die Arbeit des Beirates im Vermittlungsprogramm der documenta 12, in Diskussionen, Workshops und an anderen Stellen präsent sein und immer wieder eine wichtige Rolle einnehmen.

STZ: Der Beirat sieht sich also nicht als „verlängerter Arm“ der documenta-Leitung?
AG: Nein, wir fühlen uns gar nicht als der verlängerte Arm, der keinen eigenen Willen oder Antrieb hat. Die Ausstellungsmacher und das Team der documenta 12 haben ein ernsthaftes Interesse, etwas über Kassel zu erfahren, um diesen Ort mit den Themen der Ausstellung zusammenzubringen. Die Mitglieder des Beirates haben ihrerseits ein ernsthaftes Interesse, die Themen und die Kunst der documenta 12 mit den Menschen zusammenzubringen. Auf dieser Ebene treffen wir uns gut. Der Dialog und die Zusammenarbeit im Beirat sind sehr partnerschaftlich. Wir wissen, dass die Leitfragen der documenta 12 wichtige Impulse für die Stadt sind und wir wollen dabei helfen, diese Impulse weiterzutragen – auch über die hundert Tage Ausstellung im Sommer 2007 hinaus.

“documenta 12 wird nicht folgenlos bleiben“
STZ: Gibt es Ideen, die Nachhaltigkeit der Arbeit des Ausstellungsbeirates über die derzeitig laufende Vorbereitung und den eigentlichen Ausstellungszeitraum hinaus zu sichern? Oder wird die Karawane noch der Ausstellung einfach weiterziehen?
AG: Nachhaltigkeit ist für uns ein wichtiges Thema. Wir haben natürlich Interesse daran, dass wichtige Diskussionen und Prozesse, die gestartet wurden nicht mit der Schließung der Ausstellung am 23. September 2007 beendet werden, sondern unsere Arbeit auch längerfristig Früchte trägt. Diese Hoffnung wurde auch von Roger Buergel und Ruth Noack von Beginn an geäußert. Daher sind sie auf den Schlachthof zugekommen, den es seit dreißig Jahren aktiv ist und gut in der Stadt verankert ist. Als Beirats haben wir kein Interesse sein, alles neu zu erfinden, sondern bestehende Strukturen und Formate aufzunehmen, anzuregen und weiter zu treiben.
Ich denke außerdem, dass sich sehr wohl im persönlichen Bereich als auch in der Stadtgesellschaft einiges bewegen kann, wenn die Themen der documenta schon im Vorfeld auf persönliche und konkrete Situationen bezogen werden, wenn Menschen von der Kunst Bezüge zu ihrem eigenen Leben herstellen, wenn ästhetische und gesellschaftspolitische Auseinandersetzungen geführt werden.
In dem einen oder dem anderen Sinne: die documenta 12 wird ganz sicher nicht folgenlos bleiben…

Frau Güleç, Frau Seefranz, wir bedanken uns für das Gespräch.

Dieser Beitrag erschien im StadtteilZeit Magazin No. 17, Dezember 2006/Januar 2007
www.documenta.de